Die Zeit. Die von Kindern und die von Erwachsenen.

Die Zeit von Kindern
scheint mit einer anderen Geschwindigkeit voranzuschreiten als die von uns Erwachsenen. Oder ist es nur der Inhalt dieser Zeit? Während ein halbes Jahr für Erwachsene im besten Fall einen Urlaub oder ein neues Projekt bei der Arbeit bedeuten, sind kleine Kinder nach einer solchen Zeit manchmal nicht mehr wiederzuerkennen. So dachte ich mir, als ich meine liebe Freundin J. und ihren Sohn Valentin nach einem halben Jahr wieder getroffen habe. Kinder machen riesige Entwicklungsschritte  und ihnen selbst erscheint ein Zeitraum von einem Jahr wie eine Ewigkeit. Warum fliegen dafür die Kalenderblätter bei uns nur so dahin? Immerhin gibt es für Pyschologen einen Ausdruck dafür: „subjektives Zeitempfinden„.

Zum einen ist bekannt, dass Zeiten als kürzer empfunden werden, wenn viel passiert, man sich z.B. prächtig amüsiert. Umgekehrt kann sich die langweilige Wartezeit von wenigen Minuten auf den Bus nach einer Unendlichkeit anfühlen. Es wird berichtet, dass jemand bei einem Versuch bei Probanden das Gefühl von Spaß lediglich dadurch erzeugen konnte, dass er das schnelle Voranschreiten von Zeit simuliert hat. Es funktioniert also sogar umgekehrt.

Demnach müssten wir viel mehr erleben als Kinder, so dass sich die Zeit für uns so kurz anfühlt. So richtig spannend kommt mir mein Alltag allerdings nicht vor. Es muss noch mehr Einflussfaktoren geben.

Es scheint weiterhin eine Rolle zu spielen, ob man einer Aktivität nachgeht, in der man seinen Körper vergisst, wie während eines spannenden Films oder bei einer konzentrierten Arbeit, oder ob man seinen Körper sehr wohl spürt, wie während eines traurigen Films, bei dem man weint, oder sogar Sorge um seinen Körper haben muss, wie etwa während eines Unfalls. In beiden Fällen passiert etwas, das Zeitempfinden ist jedoch ein ganz anderes: der Thriller ist schnell vorbei, die Sekunden des Aufpralls beim Unfall ziehen sich. Nicht verwunderlich also, dass die Hirnregion für das Körperempfinden aktiv ist, wenn Menschen Zeiten schätzen sollen.

Aber auch hier könnte ich nicht sagen, dass ich meinen Körper in der letzten Zeit weniger gespürt habe (siehe „Watzmann“!!). Was steckt also noch dahinter?

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie aus Großbritannien: Die eine Hälfte an Probanden schaute eine 9-minütige Filmsequenz, die andere Hälfte musste die gleiche Zeit einfach nur absitzen. Befragte man direkt danach die Probanden nach der Dauer, schätzten die Kurzfilm-Zuschauer sie kürzer und die Wartenden länger ein als sie tatsächlich gewesen war. Vergingen einige Tage nach diesem Erlebnis, kehrte sich diese Einschätzung jedoch um: Die Zeit ohne Erlebnisse wurde viel kürzer eingeschätzt als die Zeit, die mit dem kurzweiligen Film verbracht worden war.

Das ist das sogenannte „Zeitparadoxon„.

Nachdem der Körper keine eigene Uhr besitzt, konstruiert er sich seine Zeiteinheiten scheinbar nach der Emotionalität und der Neuartigkeit von Eindrücken, die es verarbeiten muss. Rückblickend erscheint eine Zeit voller neuer Erlebnisse also länger als eine ohne große Veränderungen. Je jünger ein Mensch, desto mehr unbekannte Eindrücke verarbeitet das Gehirn und umso länger ist das subjektive Zeitempfinden.Oh weia. Das bedeutet wohl, dass mein Gehirn im letzten halben Jahr nicht so viel zu tun hatte, wenn mir heute die Zeit seit meinem letzten Treffen mit Valentin, dem Sohn meiner  Freundin J. wie ein Wimpernschlag erscheint (ja, das „bist du aber schnell groß geworden“ lag mir auf der Zunge).

Ich nehme mir fest vor, sehr bald etwas Neues und Unbekanntes zu machen. Etwas, das mein Gehirn noch nicht kennt.

Wenn ich Glück habe, funktioniert das sogar so gut, dass der kleine Valentin bei unserem nächsten Treffen dann zu mir sagt „Mensch, bin ich schnell groß geworden.“ und ich nur unverständig den Kopf schüttele.

Hier einige Texte, die mir bei der Klärung des Paradoxons, oder zumindest seiner Beschreibung geholfen haben:
Warum Jahre rasen und Sekunden schleichen“ Rüdiger Schacht für die Zeit
When time flies“ Tom Colls für BBC News
Das subjektive Zeitempfinden im Überblick“ eine Buchvorstellung von Katharina Schulz für Spektrum