Ein Bild Ein Tag 20140405 – Röhrenwerk

Das Alte Röhrenwerk in Ulm
Es beherbergt mehr oder weniger große mittelständige Unternehmen, die durch mehr große Sicherheitstechnik sowie eher weniger große personelle Eingangskontrollen gesichert sind.
Ich bin schon öfter durch den Innenhof des alten Komplexes gelaufen und habe mich über die scheinbar unendlichen Umbaumaßnahmen gewundert. Sie schienen immer wieder Mobiliar aus längst vergangenen Zeiten an das letzte Tageslicht im Abfallcontainer hervorzubringen. Das Gebäude selbst brachte einen wiederum weniger zum Staunen. Es ist eines dieser vielen Bauwerke, die wie Schleierkraut den Blumenstrauß einer Stadt voll machen, die einem allerdings auch nie auffallen. Bis ich nun heute etwas zu viel Zeit vor einem Termin hatte und die erklärenden Tafeln an der Hauswand entdeckte. Sie erzählen die Geschichte eines Hauses aber auch des Landes, in dem es steht.
Achtungachtung jetzt wird es geschichtlich. Von wegen Ein Bild Ein Tag… Hier kommt also die Geschichte des Alten Röhrenwerks in der Ulmer Weststadt frei nach Céline:
…………Weiter geht es nach den Bildern und einem Klick!

1913 wurden die ersten Grundsteine gesetzt für das Königlich Württembergische Artilleriedepot im Rahmen einer Aufrüstung, die von der angespannten Situation im Vorkriegseuropa zeugte. Herr Krieg und seine nervösen Vorboten sind also die Urväter des Alten Röhrenwerks.
Kriegsbesteck macht nur während der Kriegsmahlzeit Sinn, und so führte der Versailler Vertrag 1919 nach dem Krieg zum Abwandern des Militärs aus Ulm. Der Frieden zog auch in das Artilleriedepot ein: als gewerbliche Mieter. Bis 1938 gingen von nun an kleine Fabriken und Großhandelsunternehmen nebeneinander ihren Geschäften nach. Strickwaren wurden produziert, Wolle gehandelt, Autos repariert und ein Herr Glück war wohl als Werkmeister ebenfalls dort beschäftigt. Leider habe ich ihn nicht kennen gelernt, aber ich kann mir gut vorstellen, wie dieser Mann mit dem vielversprechenden Namen für eine friedliche, zuversichtlichere Zeit stand. Doch das Glück kommt und geht. Und als der Zweite Weltkrieg begann, musste Herr Glück das Alte Röhrenwerk sicher verlassen. Der Komplex wurde zum Heereszeugamt. Was ist eigentlich ein Heereszeugamt? Braucht man ja glücklicherweise heute nicht mehr. Ich würde es als eine Art TÜV Rheinland für ein Land im Kriegsfieber beschreiben (die, die es besser wissen, mögen es mir verzeihen): Geräte, Waffen und Munition wurde geprüft und angepasst. So patent und nützlich das sicherlich für die Zeit war, so ungesehen war es auch von den Kriegsgegnern. An einem Februarmittag 1945 sorgten 152 Sprengbomben, 4 Phosphorbrandbomben und 6 Flüssigkeitsbrandbomben für die strategische Beseitigung des Röhrenwerks sowie des benachbarten Güterbahnhofs.
Ein paar Gebäudeteile blieben vom Röhrenwerk übrig und weil man nach dem Krieg wahrscheinlich froh um jede senkrechte Mauer war, wurden diese Teile an Unternehmen und Gewerbetreibende vermietet. Von diesem Herrn Glück ist zu dieser Zeit nicht mehr die Rede. Hoffentlich hat er den Krieg überstanden und besuchte dann die Gaststätte die nun im Alten Röhrenwerk einzog. Neben dieser richteten sich auch die Reichsbahn und die Telefunken GmbH in den Gebäuderesten ein.
Man kann ja von Rüstungsindustrie und der Weltraumforschung halten, was man möchte, aber am Ende springt bei ihnen auch immer etwas für uns Normalbürger heraus. Und ein Beispiel dafür hüpfte im Alten Röhrenwerk in den Schoß der Zivilisten:
Ein technisch sehr ausgeklügeltes Teil, die Pentode RV 12 P 2000, eine Elektronenröhre für mobile Funkgeräte, wurde zunächst für militärische Zwecke entwickelt. Durch die Zerstörung im Krieg fand die Produktion der Pentode ihre Heimat mit der Telefunken GmbH im Alten Röhrenwerk. Und so wurde dieses Bauteil nun in Baukastenradios namens „Heinzelmann“ (nein, nicht der gleichnamige Staubsauger von Loriot) eingebaut. Heinzelmann war das erste Nachkriegsradio, das ohne besonderen Bezugsschein für alle erhältlich war. Ich denke, als Herr Glück davon erfuhr, hat er sicherlich geschmunzelt und sich noch ein Bier seine Stammkneipe nebenan bestellt. Weil die Pentode der Telefunken GmbH zu Wohlstand verhalf, konnte das Unternehmen die Kriegsschäden am Gebäudekomplex beseitigen. Obwohl bereits in den 30er Jahren Fernseher von der Telefunken hergestellt worden waren, brach die große Welle der Fernseher erst in den 50er Jahren aus. Telefunken als Entwickler von Scharz-Weiß-Bildröhren expandierte so sehr, dass die anderen Mieter im Komplex darum gebeten wurden Platz zu machen, für die Produktion von über einer Million Geräte pro Jahr. Nun wissen wir auch woher der Name Röhrenwerk kommt: Der Standort wurde von Einheimischen „Die Röhre“ genannt. Cool.
Mit den noch cooleren Farbbildröhren wanderte mit der Zeit die Produktion in das Ulmer Donautal ab und im Alten Röhrenwerk wurde von den nunmehr fusionierten AEG-Telefunken auftragsgeforscht. Hierdurch wurde etwas namens Satelliten- Wanderfeldröhre entwickelt. Auch etwas ganz Wichtiges: von Beginn an der 70er bis zum Space Shuttle Anfang der 80er Jahre sicherten die Ulmer Wanderfeldröhren die Satellitenkommunikation, Radargeräte und Radioastronomie. Aber ich bin schon einmal wegen eines technischen Bauteils abgeschweift. Also schnell weiter: Konkurrenz aus Fernost gab es bereits in den 70er Jahren, so dass die Bildröhrenproduktion an Thomson-Brandt verkauft wurde. Aus über 4000 Angestellten wurden nur noch 600. Technische Röhren brachten Ende der 70er wieder einen Aufschwung für die AEG-Telefunken: LCD-Anzeigen, Röntgen- und Mikrowellenröhren wurden produziert. Durch Verkauf des Unternehmens wurden Produktionsbereiche verlagert, die Wanderfeldröhrentechnik blieb aber und gehört nun der Firma THALES. Nach langer Zeit wurden wieder Räumlichkeiten im „alten Röhrenwerk“ frei. Diesmal ganz ohne Krieg.
Und erneut zog eine Gruppe tüchtiger Menschen ein. Der „Industriepark West“ bietet nun Platz für eine ganze Reihe an zukunftsweisende Technologien. Der Komplex wird wieder modernisiert und wieder einmal den Ansprüchen der Zeit angepasst. Und weil die Zeiten immer wiederkehren, ziehen demnächst sogar wieder Uniformen ein. Allerdings in friedlicher Mission: Das Polizeipräsdium kommt und das Alte Röhrenwerk wird sich wieder tüchtig strecken und dehnen um erneut gerüstet zu sein für eine nächste Ära.
Ich bin ins Erzählen geraten, weil es eine so lange Geschichte ist, eine ganz bunte zwischen Krieg und Frieden, vom Errichten, Zerstören, Wiederaufbauen, von stolzen und schwachen Zeiten und gerade deshalb bemerkenswert, weil sie für uns Menschen zu stehen scheint – und die Unverwüstlichkeit unserer Existenz.