Ein Bild Ein Tag 20140504 – Besuch auf dem Spargelhof

Asparagus officinalis.
Manche nennen ihn auch „Frühlingsduft in Stangen“.
Ich nicht. Ich bin kein großer Spargelfreund. Ganz ehrlich. Ich unterstelle dem Gemüse, dass es den Tchibo-Effekt auf seiner Seite hat: Niemand würde die Sachen von Tchibo wirklich toll finden, wenn es die Artikel das ganze Jahr über gäbe. Genauso ist es mit Spargel. Er hat einfach den Frühlings-Tchibo-Bonus. Man freut sich, dass der Winter vorbei ist, es Erdbeeren gibt – und ja, auch Spargel! Mag sein, dass mir einfach ein paar Geschmacksrezeptoren fehlen und deshalb der besondere Geschmack von Spargel bisher entgangen ist.
Aber nachdem ich mir meinen ersten eigenen Spargel erarbeitet habe, bin selbst ich beeindruckt von der Pflanze an sich und der Kultur dieses Gewächses. Wenn Ihr also Lust habt Euch an die Spargelzeit zu erinnern, während die bunten Blätter draußen in Richtung Boden schaukeln, kommt mit auf den Spargelhof!
Die Erde für den Spargelanbau soll sandig, locker und nicht zu feucht sein. Wenn dann mal alle mit Sieben und Steine-Wegtragen fertig sind, kann man also einen Graben graben und junge Spargelpflanzen kaufen und sie einsetzen. Nach nur 1-3 Jahren kann man dann für den Weißspargel einen Damm aufschütten, wie man ihn von Spargelfeldern kennt und warten, ob die Oberfläche Zeichen von Leben aufweist.
Eine riesige Folie über dem langen Damm ermöglicht dabei eine Beeinflussung des Wachstums: Die schwarze sichtbare Seite erhöht die Temperatur. Wir kennen das Prinzip: Bei Wohlfühltemperatur werden wir aktiv und so wächst auch der Spargelspross flotter als bei einer weißen Folienseite, die das Sonnenlicht reflektiert. Sinkt die Temperatur ist dem Spargelspross so gar nicht zumute nach höherem zu Streben und er verlangsamt sein Wachstum.
Klopft der Spargelspross leicht an die Oberfläche des Erddamms, graben geübte Kräfte den Stängel 30cm tief mit den bloßen Händen aus (immer schön auf den Spargel aufpassen!) und schneiden ihn am Ansatz vom Wurzelballen mit ihrem Spargelstecheisen ab.
Wenn die Beute nun am Tageslicht ist, wird das Loch wieder geschlossen und mit der Maurerkelle die Erde wieder schön glatt geklopft, damit man die nächsten Risse des gleichen Spargelwurzelballens wieder gut erkennen kann. Wenn man mehr geerntet hat als wir Laien werden die Stangen anschließend nach Größe sortiert und auf Länge gebracht.
Wenn man denkt, dass Pflanzen geduldiger sind als Tiere, liegt man falsch: Wenn sich der Spargel mal richtig wohl fühlt, wächst er mit fast einem cm pro Stunde, so dass die Erntekräfte zweimal am Tag nach den verdächtigen Rissen in der Erde suchen. Inklusive Folie ab- und wieder aufdecken.
Es sind fleißige Menschen, die den Spargelhof betreiben und pflegen. Sie leben zum Großteil direkt auf dem Hof und kommen von weit her. Die Kollegen werden für die Erntezeit zu Nachbarn in einer Reihenhäuschenidylle und der DHL-Bus scheint für jeden ein Stück Heimat auf den Hof zu bringen.
Was man übrigens nie sieht: wie groß die Spargelpflanzen wirklich sind. Die massiven Wurzelstöcke, die Rhizome, mit den fleischigen Wurzeltrieben zeigen, wie gut die Pflanze an Trockenheit angepasst ist: Hier wird alles gespeichert und der Winter als mehrjährige Staude überstanden. So ist im nächsten Jahr wieder genug Kraft für die vielen Sprosse vorhanden, die wir so gerne bei Tchibo – nein, natürlich dem Spargelhändler – kaufen wollen.
Wer seine Leibspeise selbst erjagen oder sich das gute Gewissen für die Sauce Hollandaise dafür sportlich erarbeiten möchte, erhält beim Spargelhof Lipp in Weiterstadt Waffe und Sportgelände bei einer der Hofführungen.