Haigerloch. Ein antizyklischer Winterausflug.

Bierkeller gibt es in Süddeutschland ja viele. Aber direkt unter einer Kirche schon nicht mehr so oft. Und einen, in dem dann auch noch schweres Wasser gebraut wurde, findet man wirklich nicht leicht. Im wahrsten Sinne des Wortes wie die Geschichte zeigt.
Eine spannende Geschichte steckt in den vielen Felsen an die das hohenzollerische Haigerloch gebaut ist. Hier kommt sie in meinen Worten:

Die Kernspaltung sollte im dritten Reich technisch nutzbar gemacht werden. Man dachte zwar an eine Waffe, war sich aber dessen bewusst, dass dies zeitlich nicht machbar war und hatte deshalb die Energiegewinnung als Ziel. Versuche liefen in Berlin, bis dies durch Bombardierungen nicht mehr sinnvoll durchzuführen war. Otto Hahn und seine Kollegen suchten also mit seinen Versuchsaufbauten einen sichereren Standort zum Spalten. Und wurden fündig in einem wirklich versteckt gelegenen Ort fern des sowjetischen Zugriffsbereichs in der Nähe von Tübingen. Der Ort krallt sich förmlich an die Wände eines durch die Eyach scharf eingegrabenen Tals und auf einem der Felsen stehen ein Schloss und eine Kirche. Unterhalb der Kirche befand sich der Bierkeller des Schwanenwirts. Der Keller war ursprünglich als Tunnel für die hohenzollerische Eisenbahn Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt worden. Aber wie das so ist mit den schwäbischen Eisenbahntunneln, kann da immer einmal etwas dazwischen kommen. In Haigerloch waren es keine Demos oder Feldhamster sondern eben das Bier des Schwanenwirts, das natürlich eine bodenständige Alternative zur Eisenbahn ist (was werden wohl später die Geschichtsbücher zu den Stuttgart 21-Tunneln zu berichten wissen?!). In jedem Fall war dieser Tunnelkeller sehr versteckt und nach oben hin durch 20 bis 30 Meter Muschelkalk geschützt. Und durch eine Kirche. Letztere sollte sich noch als entscheidenderer Schutz herausstellen (Take-home-Message: Niemals Kirchen unterschätzen),
Hier braute also Otto Hahn an seinem Uran und führte schließlich eine Kernspaltungskettenreaktion herbei. Die Kritikalität wurde allerdings durch die Größe der Anlage knapp verfehlt (für Notfälle hatte man immerhin eine zusätzliche Ziegelmauer eingezogen (!!!) ) und der Krieg verhinderte, dass das „Uranprojekt“ an die ausreichende Menge Nachschub an Uran kam. Werner Heisenberg hatte es wohl ohnehin nicht so eilig mit seinen Versuchen: Im Ort war bekannt, dass er gerne Orgel spielen übte während unter ihm die Kettenreaktion brodelte #chillingresearch.
Bei Kriegsende waren nun die Alliierten sehr interessiert die Aufbauten und Erkenntnisse für sich zu sichern (und vor allem den anderen Alliierten vorzuenthalten). Obwohl die Franzosen zuerst in Haigerloch eintrafen, übersahen sie doch am ersten Tag die gut versteckte Anlage. Am zweiten Tag erschien bereits ein US-Einsatzkommando und fand einen Großteil des Urans vergraben in einem Acker neben der Schlosskirche. (Take-home-Message: nächster Ausflug nur noch mit Geiger-Zähler). Danach fanden die Franzosen nur noch ein zuckerstückgroßes Teilchen Uranrest. Immerhin wurden Reste bereits damals upgecyclet und in den ersten französischen Kernreaktor integriert.
Die deutschen Nuklearforscher wurden übrigens größtenteils britisch interniert und hörten dort von den Vorfällen in Nagasaki und Hiroshima. Heisenberg äußerte sich danach im Rückblick auf das Uranprojekt so:
„im Grunde meines Herzens war ich wirklich froh, dass es eine Maschine sein sollte und nicht eine Bombe.“– Werner Heisenberg, 1945
Nach der Freilassung kehrten die Forscher zurück nach Deutschland und waren 1957 Teil der Göttinger Achtzehn, die sich im Göttinger Manifest gegen die militärische Nutzung der Kernenergie in Deutschland einsetzten. So hat es immerhin in dieser Hinsicht ein gutes Ende genommen.
Ach, und noch ein paar Worte zu der Kirche: Ich habe ja bereits verraten, dass sie zum viel bedeutenderen Schutz der Uranprojekt-Anlage wurde – nicht etwa als Schutz gegen die Bomben, sondern weil die Amerikaner nach ihrer Entdeckung alles sprengen wollten. Nur weil der Pfarrer der darüber liegenden Kirche sich offensichtlich erfolgreich für den Erhalt seines Gotteshauses eingesetzt hat, wurde nur eine ganz kleine Sprengung durchgeführt, eine Anstandssprengung gewissermaßen. Und so kann man heute noch den Bier- und Kernspaltungskeller besichtigen: im Haigerlocher Atomkellermuseum.
Was alles aus einem gescheiterten schwäbischen Bahntunnelprojekt werden kann. In diesem Sinne: Thank you for travelling with Schwäbische Eisenbahn!

Vielen Dank an meine reiselustigen Eltern für diesen Ausflugstipp. Ich hoffe auf Euren Blog.

Und noch ein Kommentar zum Schluss: Macht es nicht wie wir: März bis November ist die richtige Zeit für einen Besuch Von Dezember bis Februar kann man die Aufmerksamkeit ganz auf die nette Ortschaft Haigerloch lenken, weil das Museum in der Zeit geschlossen hat #offthepath #antizyklisch #individuell #keinwinterausflug 😀

P.S.: Der geneigte physikalisch gebildete Leser möge mir verzeihen, wenn die Terminologie nicht ganz korrekt sein mag. Ich bin ganz Ohr für nötige Verbesserungen 🙂